23.–25. April 2026

Revolutionary Motherhood. Asja Lācis and other Activist Mothers* (de/en)

WORKSHOP

(Anmeldung bis 22.4.: asjalacis@posteo.de)

Die lettische Theatermacherin Asja Lācis, eine Zeitzeugin des sogenannten Theateroktobers 1917 in St. Petersburg und Moskau, war bekannt für ihren unerschütterlichen Glauben an die proletarisch-revolutionäre Kunstbewegung und ihre Theaterarbeit mit proletarischen Kindern und Arbeiter*innen – sie selbst war Mutter und laut ihrer Tochter eine ziemlich schlechte dazu: Nachgesagt wird ihr, sie habe sich zwar um die Zukunft der Menschheit und die Kinder anderer gesorgt, dabei aber ihre eigenes vernachlässigt (Dagmāra Ķimele, Asja, 1996). 

Mit diesem Konflikt zwischen sozialpolitischem Engagement und künstlerischen Ambitionen einerseits und elterlichen Pflichten andererseits stand Lācis keineswegs allein da. Selbst Alexandra Kollontai, die große Pionierin der Politisierung von Frauenfragen, der kameradschaftlichen Liebe und der nicht-reproduktiven Sexualität (bis diese Themen unter Stalin wieder in Vergessenheit gerieten), spricht in ihren Memoiren von den emotionalen Turbulenzen, die sie empfand, als sie ihren kleinen Sohn bei seinen Großeltern zurückließ, um sich ihrem Studium zu widmen (Ich habe viele Leben gelebt, 1980). Die Entscheidung für oder gegen Mutterschaft und die Ausgestaltung kollektiver Kindererziehung zieht sich durch Kollontais literarisches Werk (Rote Liebe, 1923) und taucht in prominenter Weise in der Figur der Milda in Sergej Tretjakovs Ich will ein Baby (1924-1926) wieder auf. Die Frage, wie Elternschaft und Arbeit oder politisches Engagement miteinander vereinbar sind, beschäftigteviele Frauen und wenige Väter ihrer Generation auf eine Weise, die uns heute noch allzu vertraut erscheint.

Ausgehend von Lācis werden wir Berichte unterschiedlicher aktivistischer (Nicht-)Mütter diskutieren und Verbindungen über das letzte Jahrhundert hinweg zur Jetzt-Zeit herstellen: Auch heute noch sehen sich Aktivist*innen und Künstler*innen mit Fragen zur Vereinbarkeit von Familie und politischer Berufung sowie künstlerischen Ambitionen konfrontiert. Auch wenn sich die Rollenverteilung in vielen – wenn auch keineswegs allen – privaten Beziehungen inzwischen verändert haben mag, gewinnen patriarchale Strukturen weltweit wieder an politischer Macht, und heteronormative und eigentumsbasierte Konzepte von Liebe und Familie werden im öffentlichen Diskurs, insbesondere in den sozialen Medien und der sogenannten Manosphere, normalisiert. Angesichts dieser reaktionären Entwicklungen gewinnt die politische Bedeutung der Herausforderungen einer (gleichberechtigten und gendersensiblen) Elternschaft in aktivistisch-künstlerischen Arbeitsfeldern zunehmend an Bedeutung.


23. April, Donnerstag

14 Uhr // BEGRÜSSUNG

14:30–16 Uhr // KOLLEKTIVE QUELLENSICHTUNG

»stranger to her«. Lācis and the notion of estranged motherhood Quellen von und zu Lācis und anderen aktivistischen Müttern – Caroline Adler (Hamburg) und Mimmi Woisnitza(Lüneburg)

Kaffeepause

16:30–17:30 Uhr // INPUT & GESPRÄCH

Mothering the Revolution? Collective Care in the Work of Alice Constance Austin andAlexandra Kollontai – Liza Mattutat (Hamburg), Moderation: Antonia Rohwetter(Lüneburg)

Kaffeepause

18–19:30 Uhr // ÖFFENTLICHER VORTRAG

Lācis as Litmus Test – Susan Ingram (Toronto)

Offenes Gesprächsformat mit Publikum und Workshopteilnehmenden, Moderation: MimmiWoisnitza

Susan Ingram ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und Professorin am Department ofHumanities der York University in Toronto. Seit 2002 arbeitet sie zu Asja Lācis’ mehrsprachiger, autobiographischer Schreibweise, u. a. in Zarathustra’s SistersAutobiography and the Shaping of Cultural History (2003). Sie nahm Lācis erstmals aus feministischer Perspektive in den Blick und positionierte sie innerhalb der europäischen Kulturgeschichte.

Snacks

20:30 Uhr // LESUNG & KONZERT

Variations of Bad Mother – Alice Creischer (Berlin), Inga Gaile (Riga), Lauratibor Kiezchor(Leitung: Öz Kaveller), u.v.a.

Wir lesen gemeinsam und mehrsprachig Inga Gailes Theaterstück Sliktā Māte/Bad Mother/Schlechte Mutter (2023), in dem sie dem feministischen Erbe von Lācis aus lettischer Perspektive nachgeht. In der Lesung treten der Lauratibor Kiezchor und weitere Protagonist*innen der Ausstellung auf.


24. April, Freitag

10–11 Uhr // OFFENES GESPRÄCH

Bad Mothers and Others  Moderation: Mimmi Woisnitza

11:15–13 Uhr // INPUTS & GESPRÄCH

Social and very specific: Anna Seghers’ Literary Motherhood from Social Means to an Aesthetic Vision of Writing – Wiebke Bernstorff (Hildesheim)

Mother figures and unfulfilled motherhood: The Women surrounding Brecht – Sarah Ralfs (Berlin), Moderation: Caroline Adler

Mittagspause

14–15:30 Uhr // INPUTS UND GESPRÄCH

Militant Mothers in West Germany: Feminist Film Practice after 1968 – Antonia Rohwetter (Lüneburg) und Auto- and co-production of paternal care. The Birth of CaringMasculinity from the Practices of the 1968 Movement – Florian Kappeler (Berlin), Moderation: Wiebke Bernstorff

16–17 Uhr // ABSCHLUSSGESPRÄCH

Was tun, todaytomorrow– Moderation: Mimmi Woisnitza

Individuelles Abendprogramm


25. April, Samstag

14–19 Uhr // PERFORMANCE

Wo soll ich hinschauen? – Bühnen zu Baustellen | Baustellen zu Bühnen (nach Asja Lācisund Inga Gaile), Mariannenplatz

Im Dialog mit der Autorin Inga Gaile (Riga) entwickelte Konstanze Schmitt 2024 mit den Berliner Performer*innen Anna Stiede, Martin Clausen und Ingo Tomi ein performatives Rechercheformat, basierend auf Asja Lācis’ Avantgarde-Manifest Neue Richtungen in der Theaterkunst (1921) und Gailes Theaterstück Die schlechte Mutter (2023). Das Kollektiv sucht nach Arbeitertheater und -liedern, Kunst als antifaschistischer Intervention und nach der Person Asja Lācis, die als Theatermacherin selbst in diesem Feld wirkte. Die Frage: Wie kann Kunst/wie können wir als Künstler*innen heute gesellschaftlich wirksam werden?

Gespräche & Getränke im Kunstraum Kreuzberg