4.–5. Juni 2026
Lācis & Co.
Akteurinnen – Transit – Narrative
Internationale Tagung, konzipiert von Tatjana Hofmann und Mimmi Woisnitza
Kunstraum Kreuzberg / Bethanien
Mariannenplatz 2, 10997 Berlin
Im Kontext der Ausstellung „Die Kunst ist kein Ziel für sich. In Beziehung mit der Konstruktivistin Asja Lācis“ kuratiert von Konstanze Schmitt und Mimmi Woisnitza
Ausgehend von der nomadischen Lebens- und Arbeitspraxis von Asja Lācis fragt die internationale Tagung, konzipiert von Tatjana Hofmann und Mimmi Woisnitza, nach den Schreibweisen, mit denen Autorinnen, Journalistinnen und Künstlerinnen ihre Migrationsbewegungen in den ost(mittel)europäischen Avantgarden reflektieren, und sucht nach Rezeptionsechos, Vergleichslinien und Fragen in der Gegenwart. Anhand von Fallstudien zu Literatinnen und Künstlerinnen, die in Form von thesenhaften Inputs diskutiert werden, widmet sich der Workshop den folgenden Fragen:
Welche Schreib-, Sprech- und Kommunikationshaltungen ergeben sich aus den Transiterfahrungen? Inwiefern markieren diese wiederum auf die unterschiedlichen Formen und Motivationen des Transits: Reisen, Migration, Exil oder auch Verbannung und Verschleppung? Wie verbinden sich dieOrtswechsel mit den sich verändernden räumlichen, wie auch sozialen und infrastrukturellen Bedingungen sowie mit künstlerischen Zielführungen und Darstellungsverfahren? Wie werden die reisenden Körper und Objekte figuriert? Wie Welche Rolle kam und kommt dabei der Mehrsprachigkeit und idiosynkratischen Schreibweisen und auch der Übersetzung zu?
4. Juni (Donnerstag)
14:00-14:30
Einführung: Asja & Co. Exilbewegungen Ost/West
Mimmi Woisnitza und Tatjana Hofmann
14:30 -17:15
Kunsthistorische und filmische Perspektiven
Iryna Kovalenko
Künstlerische Darstellungen von Flucht, Front und Inhaftierung im russischen Krieg gegen die Ukraine
Matthias Schwartz
„Das Mädchen aus dem All“: Weltraumreisen von Frauen im sowjetischen Science-Fiction-Film
Katharina Tchelidze
Bewegungsformen zwischen Verbannung und Spionage: Die dadaistische und futuristische Gruppe H2SO4 in Georgien und Mzia Eristavi
PAUSE
18:00
Abendvortrag
Beata Paškevica
„Die Orangenblüten duften total verrückt“. Die Zwangsjacke der Nicht-Erinnerung: Asja Lācisund die lettisch-italienischen Avantgarden
In dem Vortrag werden die lettisch-italienischen Kontakte, mit denen Lacis während ihres Capri-Aufenthalts verkehrte, aufgezeigt. Es wird von der Hypothese ausgegangen, dass Asja Lacis´ Wahrnehmung der künstlerischen Wirklichkeit von Capri und Neapel einen kollektiven Charakter hatte und eigentlich als eine Momentaufnahme der zeitgenössischen Avantgarden zu sehen ist.
Beata Paškevica, Dr. phil. ist Germanistin und Kulturhistorikerin aus Lettland, promoviert am Fachbereich für angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft in Gemersheim an der Johannes Gutenberg Universität Mainz, Autorin der wissenschaftlichen Monographie „In der Stadt der Parolen. Asja Lacis, Walter Benjamin und Bertolt Brecht“ (Klartext-Verlag 2006). Zurzeit ist sie seniorresearcher der Nationalbibliothek Lettlands in Riga. In den letzten zehn Jahren forscht sie zur Kultur- und Buchgeschichte Livlands im 17. und 18. Jahrhundert, insbesondere zu den Einflüssen des Halleschen und Herrnhutischen Pietismu und der Aufklärung.
20:00
Filmvorstellung
Māra, Krista Burane, LV mit EN UT, 2014
Film über die Enkelin von Asja Lācis
Die Regisseurin Krista Burāne entwirft in ihrem kreativen Dokumentarfilm Māra ein vielschichtiges Porträt der bedeutenden lettischen Theaterregisseurin Māra Ķimele. Der Film erkundet die Opfer und Entscheidungen einer Frau in der Kunstwelt und fokussiert sich dabei auf Ķimeles komplexe Beziehung zu ihrer dominanten Großmutter, der legendären Theatermacherin Anna Lācis (Asja Lācis), sowie zu ihrem Sohn.
Anschließend: Gespräch zwischen Māra Ķimele, Margherita Carbonaro, Minze Tummescheit
5. Juni (Freitag)
10:00 Ankunft
10:15-12:30
Exil: Körper und Objekte
Annelie Bachmaier
Herkunft – Transit – Ankunft: Perspektiven polnischer Schriftstellerinnen in Argentinien
Anna Kipke
Räumliche Formen schenken: Die skulpturale Praxis von Magdalena Abakanowicz zwischen Elbląg und São Paulo 1965
MITTAGSPAUSE
13.30-15.30
Historische Avantgarde der 1920er-30er Jahre
Ievgeniia Voloshchuk
Weibliche Blicke auf „den roten Alltag“: Lili Körber und Frida Rubiner auf Reisen in der Sowjetunion der 1930er Jahre
Tatjana Hofmann
Aus dem Exil auf Weltreise. Zu Sofija Jablon’skas Reiseberichten.
Nadine Menzel
Die Welt modellieren. Praktiken des Sehens, Schreibens und Konstruierens in den Reisetagebüchern der Bildhauerin Clare Sheridan über Moskau (1920) und die Ukraine (1924)
15:30-16:00
Abschlussgespräch
PAUSE
17:00
Lesung
Tatjana Hofmann und Olga Martynova
Zwischen den Sprachen: Das Wissen der Poesie
Die Lecture-Performance verbindet Gedichtlesung, Gespräch und theoretische Reflexion über Mehrsprachigkeit, Übersetzung und europäische Erinnerungskultur. Ausgangspunkt ist ein szenisches Gedicht von Olga Martynova über Asja Lācis.
Im Zentrum steht das von Lācis und Walter Benjamin entwickelte Konzept des „Porösen“: Neapel wird zu einer Stadt, durch deren Löcher ost- und westeuropäische Geschichte spaziert, Zeiten ineinander übergehen und Menschen einander begegnen, die sich historisch nie hätten treffen können. Übersetzung erscheint dabei weniger als Übertragung von Wörtern denn als Vermittlung von Atmosphären, Gesten und Denkformen.
Im Gespräch mit der Slawistin Tatjana Hofmann wird Literatur als Form „künstlerischen Forschens“ verstanden: als eigenständige Wissenspraxis. So entsteht ein offenes Labor über Sprache, Erinnerung und die Zukunft europäischer Vielstimmigkeit.
Olga Martynova, geboren 1962 in Sibirien, aufgewachsen in Leningrad, wo sie in den 1980er-Jahren die Dichtergruppe »Kamera Chranenia« mitbegründete. 1991 zog sie zusammen mit Oleg Jurjew (1959–2018) nach Deutschland. Von 1999 an schrieb sie literarische Texte auf Russisch und Deutsch. Seit 2018 schreibt sie nur noch in deutscher Sprache. Olga Martynova ist Vizepräsidentin der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, außerdem Mitglied des PEN und der Akademie der Wissenschaften und der Literatur (Mainz). Sie erhielt u. a. den Ingeborg-Bachmann-Preis (2012) und den Berliner Literaturpreis (2015). Zuletzt erschienen von ihr bei S. FISCHER: »Der Engelherd« (Roman, 2016), »Über die Dummheit der Stunde« (Essays, 2018) und »Gespräch über die Trauer« (2023). Für den Gedichtband »Such nach dem Namen des Windes« (2024) wurde Olga Martynova mit dem Peter-Huchel-Preis 2025 ausgezeichnet.
Tatjana Hofmann ist Slawistin, Kulturwissenschaftlerin und Autorin mit Schwerpunkt auf Ost- und Ostmitteleuropa. Sie arbeitet derzeit an der Universität Graz. Studiert hat sie an der Humboldt-Universität zu Berlin; ihre Dissertation Literarische Ethnografien der Ukraine verteidigte sie an der Universität Zürich. Anschließend war sie dort als Postdoc und Projektleiterin tätig, ebenso am Collegium Helveticum und an der Universität St. Gallen. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen insbesondere in den Bereichen Avantgarde, Postsozialismus und Wissensorganisation. Zuletzt erschien ihre Studie Die frühsowjetische Reisereportage (2026) im Kadmos Verlag. Derzeit bereitet sie einen Gesprächsband zur Geschichte der Slawistik sowie den Roman Züriseelen vor.
18:00
Werkstattgespräch
Nicolas Auzanneau, Margherita Carbonaro, Olga Martynova, Beata Paškevica, Lil Reif
Transitraum Sprache oder Translating Multilingual Spaces
Dass sich Asja Lācis auf Lettisch, Deutsch und Russisch verständigen konnte und auch in diesen drei Sprachen veröffentlichte und Erinnerungen verfasste, ergibt sich aus der transkulturellen Geschichte der baltischen Region. Lettland ist ein historisch mehrsprachiger Raum, in dem Lettisch, Russisch und Deutsch jahrhundertelang als konkurrierende und sich überlagernde Sprachen der Verwaltung, Kultur und des Alltags koexistierten – eine Konstellation, die durch die wechselnden Herrschaftsverhältnisse von Deutschbalten, Zarenreich, Unabhängigkeitsrepublik und sowjetischer Besatzung immer neu ausgehandelt wurde. Diese transkulturellen Verflechtungen sind für das Verständnis der lettischen Avantgarde der 1910er und 1920er Jahre unverzichtbar und sie wirken bis in die Gegenwart fort. Inwiefern sich diese Verflechtungen insbesondere auch als Übersetzungsphänomen zeigen, soll in dem Werkstattgespräch mit drei Übersetzer*innen diskutiert werden, die aus dem Lettischen ins Deutsche, Französische und Italienische übersetzen.
Nicolas Auzanneau, geboren 1972, studierte Geschichte und Literatur und war in den Bereichen Bildung, Kulturarbeit und Übersetzung tätig. Seit 1996 ist er mit Lettland verbunden und pendelt zwischen Brüssel, wo er seinen Lebensunterhalt als Übersetzer für die europäischen Institutionen (Englisch, Lettisch, Polnisch und Deutsch) verdient, und Riga. Er übersetzt lettische Literatur ins Französische – Prosa, Lyrik, Theater, Geschichte, Film. Seine Vorlieben gelten alternativen Kulturen, multiplen Zugehörigkeiten, zerstörten Utopien, seltenen Texten sowie Autoren am Rande der Gesellschaft oder solchen, die in Vergessenheit geraten sind. Er hat Artikel auf Französisch über Asja Lacis veröffentlicht, insbesondere im „Le dictionnaire universel des créatrices“ (Des Femmes, 2013) und im Sammelband „Des vies en révolution“ (Don Quichotte, 2017). Seine neueste Übersetzung: „Belles de sang“ (Emmanuelle Collas, 2025) von Inga Gaile.
Margherita Carbonaro ist Literaturübersetzerin und Autorin. Sie wurde in Mailand in eine Familie mit italienisch-lettischem Hintergrund hineingeboren. Nach dem Studium der Italianistik begann sie, im Verlagswesen zu arbeiten. Sie hat Werke zahlreicher deutschsprachiger Autor:innen ins Italienische übersetzt, darunter Thomas Mann, Herta Müller, Uwe Timm, Max Frisch und andere.
Zurzeit setzt sie sich insbesondere dafür ein, lettische Literatur und Kultur in Italien bekannter zu machen, sowohl durch essayistische Texte als auch durch Übersetzungen von Schriftsteller:innen wie Regīna Ezera und Inga Gaile. Für ihre Arbeit hat sie mehrere Auszeichnungen erhalten, unter anderem den lettischen Spezialjahrespreis für Literatur und den deutsch-italienischen Übersetzerpreis für ihr Lebenswerk.
Margherita Carbonaro lebt heute zwischen Italien, Deutschland (Landshut) und Lettland.
Lil Reif, Jahrgang 1975, studierte Russisch, Portugiesisch und Recht in Berlin, Moskau und Évora, und wurde mit einer Arbeit über Sprachenpolitik in Lettland an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt promoviert. Ein Stipendium der Robert Bosch Stiftung führte die gebürtige Dresdnerin für drei Jahre nach Lettland, wo sie neben ihrer Arbeit als Gastlektorin an der Hochschule Ventspils Lettisch lernte und anfing, sich für Literaturübersetzen zu interessieren: zunächst in Form von kleinen Übersetzungsworkshops, die sie in Kooperation mit dem Schrifsteller- und Übersetzerhaus Ventspils, der Stadtbibliothek und dem Goethe Institut Riga organisierte; später folgten erste literarische Übersetzungen. Zu ihren jüngsten Übersetzungen gehören neben dem von Inga Gaile verfassten Theaterstück „Die schlechte Mutter“ über Asja Lācis der Roman „Rigaer Freiheit“ von Svens Kuzmins (erschienen 2025 bei edition.fotoTAPETA in Berlin) und „Der Junge, der im Dunkeln sah“, das Romandebut der Dramatikerin Rasa Bugavičute-Pēce. Lil Reif lebt heute in Wien und übersetzt Prosa und Lyrik aus dem Lettischen. 2018 erhielt sie den Übersetzerpreis der Stadt Wien.